„Niemand will in einem sterilen schwarzen Kasten sitzen“

Danny Ludwig, Leitender Produkt-Manager bei GRAFE, über die Zukunft von Farb- und Funktionskunststoffen im Automobil

 

Blankenhain, 09. März 2026

Der Automobilmarkt ist im Wandel. Zum einen stehen vor allem die deutschen Hersteller vor großen Problem durch die Elektromobilität und müssen wieder wettbewerbsfähiger werden. Zum anderen verändern sich auch – in erster Linie mit Blick auf Nachhaltigkeitsaspekte – die Kundenanforderungen an Materialen, Farben, Werkstoffe und Anmutung. Damit entstehen neue Herausforderungen für Masterbatch- und Additiv-Spezialisten wie die GRAFE GRUPPE, Blankenhain. Dazu äußert sich im Interview Danny Ludwig, Head of Product Management.

 

Herr Ludwig, wie sieht der Pkw-Innenraum von morgen aus?

Danny Ludwig: So pauschal lässt sich das natürlich nicht beantworten. Aber in meinen Gesprächen mit den führenden Herstellern wie Audi, BMW, Mercedes oder Porsche, bekomme ich schon einen Eindruck, wohin die Reise gehen könnte. Zudem sind wir als Schnittstelle zwischen Entwicklung und OEMs sehr nah dran. Ich würde zwischen Material- und Farbtrends unterscheiden.

Fangen wir bei den Materialtrends an. Was sagt der Blick in die Zukunft?

Hier gibt es einen schon etwas älteren Trend, der sich nach der Corona-Zeit etabliert hat, aber immer noch im Fokus steht und auch auf absehbare Zeit erhalten bleibt. Der Trend heißt Nachhaltigkeit. Er speist sich wiederum aus drei Themenfeldern. Erstens geht es um den Einsatz nachhaltiger Materialien, zweitens um die entsprechende Anmutung von Oberflächen und drittens um die Wiederverwertung der eingesetzten Werkstoffe im Sinne der Kreislaufwirtschaft.

Können Sie hier etwas konkreter werden? Welche Materialien sind zunehmend interessant?

Hier reden wir von Rezyklaten, Naturfasern, Textilien oder auch biobasierten Kunststoffen als Alternative zu fossilen Kunststoffen. Doch all diesen Werkstoffen sind durch entsprechende Normen Grenzen gesetzt. Bei Rezyklaten sind Anteile von bis zu 30 Prozent möglich und entsprechende Bauteile im Serieneinsatz. Beispiele für Fasern sind etwa Bambus, Flachs oder Hanf. Diese werden verpresst. Aber auch hier ist der Einsatz von der Anwendung abhängig. Im Bereich der Dekorierung lässt sich mehr umsetzen, als etwa bei Strukturbauteilen. Bei Biopolymeren wiederum ist die Wärmeformbeständigkeit ein schwieriges Thema.

Sie sprachen von einer nachhaltigen Anmutung der Oberflächen. Was ist damit gemeint?

Natürliche Oberflächenoptiken wie Holzmaserungen, Leder oder Perlmutt-Optik, gewebeartige Textilien und organische oder pflanzliche Strukturen kommen häufiger zum Einsatz. Mit Smart Materials und haptischer Vielfalt – etwa durch integrierte Soft-Touch-Flächen oder strukturierte Stoffe – sollen taktile Reize geschaffen werden. Mit anderen Worten: Die Kunden wollen ihren Anspruch an Nachhaltigkeit auch sehen und zeigen.

Ein weiterer Punkt, den Sie ansprachen, ist Kreislaufwirtschaft. Welche Bedeutung hat sie?

Sie ist kein Nischenthema mehr, sondern strategischer Standard bei Konzept sowie Serienentwicklung aller renommierter Unternehmen. Deutsche OEMs setzen verstärkt auf Recycling, Kreislaufansätze und CO₂-reduzierte Materialien über den gesamten Lebenszyklus. Beispiele wie „Tomorrow XX“ von Mercedes zeigen Programme zur Nutzung von Monomaterialien und höheren Rezyklaten auch im Interieur. Im Fokus stehen biobasierte Kunststoffe, weniger flüchtige organische Verbindungen (VOCs) und nachhaltigere Innenverkleidungen.

Wie sieht es mit den Farbtrends aus? Wohin geht die Reise?

Auch hier spielt das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Wir beobachten verstärkte Nachfrage nach Interieur-Farben, die gedeckter und weniger knallig sind. Diese naturinspirierten Töne wie verschiedene Grün-Schattierungen, Grau, Ocker, Beige oder andere Pastellfarben gelten als Ausdruck von Ruhe und Modernität.

Also ist bunt auf dem Rückzug?

Derzeit schon. Vieles, was früher mit Farben illustriert wurde, lässt sich inzwischen durch hinterleuchtete Kunststoffe umsetzen, denken Sie etwa an das blau oder rot bei der Temperaturregelung. Auch Ambientebeleuchtung ist ein Trend. Hier erzeugen LEDs die verschiedenen Töne. Auch chromatische Farben sind weniger dominant. Dennoch werden Akzentfarben gezielt eingesetzt, um Identität und Persönlichkeit im Innenraum zu stärken. Wobei es deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Automobilklassen gibt, das muss man ganz klar sagen.

Wie meinen Sie das?

Am unteren Ende der Modellpalette, wo es um Kosteneffizienz geht, steigt der Anteil schwarzer Masterbatches stark an. Die kosten weniger in der Herstellung und auch Qualitäts- und Prüfaufwand sind geringer. Für uns als Masterbatcher, dessen Kernkompetenz in der Abstimmung der Farben liegt, ist das momentan natürlich keine gute Entwicklung. Andererseits spielen im oberen Segment Sparzwänge für die Kunden keine Rolle. Bei Luxusautos geht es um Seriosität. Ein Audi A8 wird niemals bunt sein, hier bestimmen Leder und Holz das Ambiente. Bei Sportwagen steht persönliche Individualisierung im Vordergrund. Genauso viele Lackierungen, wie es für Porsche oder Lamborghini außen gibt, so viele Farben gibt es auch in der Innenraumgestaltung. Hier ist die Palette riesig. Zudem gibt es Anzeichen, dass es auch in anderen Segmenten wieder farbenfroher werden könnte.

Woher nehmen Sie diese Vermutung?

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit der verantwortlichen Mitarbeiterin eines chinesischen Herstellers. Dort sind bunte Farben wieder im Kommen. So ist das mit Trends. Alles kommt wieder. In Zeiten der Elektromobilität sind die Interieurs inzwischen von einem großen Monitor geprägt, über den fast alles geregelt wird. Stilbildend war hier Tesla, wo sich sogar das Handschuhfach am Touchscreen öffnen lässt. Aber auf Dauer ist das den Leuten zu eintönig. Sie vermissen die Knöpfe und Schalter. Auch diese kommen wieder. Denken Sie an die Zukunft und an das autonome Fahren. Wir haben im Auto dann nichts mehr zu tun. Niemand will da in einem sterilen schwarzen Kasten sitzen.

China und USA sind vor allem durch die Elektromobilität zu wichtigen Playern im Automobilbereich aufgestiegen. Inwieweit ergeben sich hier Chancen für deutsche Zulieferer?

Für uns nur in geringem Maß. Zum einen ist der Masterbatch-Markt ein regionaler und zum anderen decken diese Unternehmen ihre Lieferketten fast vollständig selbst ab.

Inwiefern hat die Elektromobilität die Innenräume der Pkws verändert?

Zum einen durch die bereits erwähnte Reduzierung der Knöpfe und Schalter. Zum anderen – diese Entwicklung geht aber vor allem mit dem Nachhaltigkeitstrend einher – wird Kunststoff im Innenraum seltener. Das Interieur wird insgesamt cleaner. Es gibt weniger sichtbare Kunststoffelemente. Statt spritzblanker Bauteile gibt es mehr textile Oberflächen. Grund ist der schlechte Ruf von Kunststoff. Für uns als Unternehmen, das Polymere einfärbt, ist das natürlich keine erfreuliche Entwicklung. Und für den Verbraucher ist es eine Illusion. Denn hinter jeder textilen oder faserbasierten Oberfläche und hinter jedem Naturmaterial steckt ein Träger aus Kunststoff.

Sie haben viele Herausforderungen angesprochen. Gibt es denn auch Gründe für Optimismus?

Nun, trotz zum Teil negativer Stigmatisierung bleibt Kunststoff im Auto unverzichtbar – auch im Sichtbereich. Ich denke da zum Beispiel an die Verkleidung der A-, B- und C-Säule oder an die Einstiegsleiste. Hier sind wir als GRAFE nach wie vor ein gefragter Partner der OEMs. Zudem bin ich überzeugt davon, dass sich die deutsche Automobilindustrie, die wir vorwiegend beliefern, erholt. Durch die schiere Größe ist die Branche wie ein schwerer Sattelschlepper. Diesen zu wenden ist schwierig und braucht Geduld. Wenn aber erfahrene Fahrer am Steuer sitzen, die die richtigen Manöver kennen, sollte es gelingen, den „Brummi“ wieder in die Spur zu bringen. Dazu braucht es mutige Entscheidungen. Darauf hoffe ich.

Herr Ludwig, vielen Dank für das Gespräch!

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