„Wir arbeiten am Prozess, nicht am Pigment“
Lars Schulze, Head of R&D Product Development bei GRAFE, über Wachstumsfelder für Farb- und Funktionskunststoffe
Blankenhain, 12. Mai 2026
Die europäische Kunststoffindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Neben strengeren Umweltauflagen und dem wachsenden Fokus auf Recycling und Kreislaufwirtschaft wird die Branche auch durch schwache Absatzmärkte beeinflusst. Besonders die Krise der europäischen Automobilindustrie führt zu einer geringeren Nachfrage nach Kunststoffbauteilen. Hinzu kommen geopolitische Unsicherheiten sowie ein hierzulande ein Reformstau mit Blick auf wirtschaftspolitische Weichstellungen.
Damit entstehen neue Herausforderungen für Masterbatch- und Additiv-Spezialisten wie die GRAFE, Blankenhain. Ebenso wie sich die Nachfrage aus den einzelnen Anwenderbranchen verändert, so verändern sich auch die jeweiligen Anforderungen an die Kunststoffe. Im Vorfeld der Kuteno 2026, die als Zuliefermesse die gesamte Prozesskette der kunststoffverarbeitenden Industrie abbildet, äußert sich im Interview Lars Schulze, Head of R&D Product Development.

Herr Schulze, die Wirtschaft schwächelt, der Standort Deutschland kriselt, vielerorts ist die Stimmung schlecht – gibt es auch Lichtblicke?
Lars Schulze: Durchaus. Wir verzeichnen aus mehreren Branchen oder durch bestimmte Kunden verstärkte Impulse. Dazu gehören die Sicherheitstechnik, die Bauindustrie – und hier speziell der Gebäudeenergie-Sektor – sowie der Bereich Freizeit und Sport.
Fangen wir bei der Sicherheitstechnik an. Was für Kunststoff-Eigenschaften sind hier gefragt?
Es geht in erster Linie um technische Einstellungen und die Interaktion mit bestimmten Lichtquellen, vor allem Infrarot und UV-Licht. Also für diese Lichtspektren reflektierende, absorbierende und transparente Systeme. Die Eigenschaften hängen jeweils stark vom Pigmenttyp und der Wellenlänge ab.
Können Sie das etwas genauer beschreiben?
Beispielsweise arbeiten Sensoren in einem bestimmten Wellenlängenbereich, etwa Infrarot, und geben ein Signal sobald sie diese Strahlung mit dieser Wellenlänge wahrnehmen. Anwendungen hierfür sind Bewegungsmelder, welche durch Wärmestrahlung ausgelöst werden, oder die Fernbedienung. Nun kann man sich vorstellen, dass Blenden vor diesen Sensoren natürlich infrarottransparent sein müssen. Gleichzeitig gibt es Anwendungen, bei denen bestimmte Wellenlängen-Bereiche des Lichts herausgefiltert oder absorbiert werden sollen. GRAFE arbeitet daran, sowohl die Interaktion des Kunststoffs im nicht sichtbaren Licht – also die Farbe – einzustellen, aber gleichzeitig auch den Farbwunsch des Kunden im sichtbaren Licht zu erreichen. Gerade bei dunklen Einfärbungen kann dies zur Herausforderung werden.
In welchen Bereichen ist der Umgang mit Infrarotlicht noch wichtig?
Ein weiterer wichtiger Sensor der auf IR Licht angewiesen ist, ist der für die Kunststoffsortierung in Recyclinganlagen. Hier müssen die Kunststoffe infrarotreflektierend sein, um sie einfach bestimmen und damit sortieren zu können. Eine weitre Möglichkeit der Interaktion mit IR-Strahlung ist die Verschweißbarkeit von Kunststoffen, ein sehr wichtiges Verarbeitungsverfahren. Hier ist das Zusammenspiel aus infrarotabsorbierenden und transparenten Materialien von entscheidender Bedeutung.
Sie sprachen außerdem von der Bauindustrie als Wachstumstreiber?
Energieeffizienz im Gebäudesektor ist hier das entscheidende Thema. Auch dabei geht es um die gewünschte Aufnahme oder Abstrahlung von Wärme, etwa bei Fensterrahmen oder Fassadenabdeckungen. Dabei stehen ebenfalls reflektierende oder absorbierende Kunststoffe im Fokus – also genau das, was wir mit unseren Farbeinstellungen realisieren können. Beispielsweise, je mehr Infrarotlicht reflektiert wird, desto geringer ist die Wärmeentwicklung, was Lebensdauer und Maßhaltigkeit positiv beeinflusst. Gleichzeitig setzen wir uns mit neuen Materialien auseinander. Wir färben hier beispielsweise Küchenspülen, welche aus einer Mischung von Sand und vernetztem Polymer aufgebaut sind – also weit weg vom klassischen Kunststoff. Für uns ist das komplettes Neuland. Wir können Farben rezeptieren und für jedes Material offen. Wir finden immer wieder neue Lösungen.
Zudem hatten Sie den Bereich Freizeit und Sport angesprochen. Wieso ist die Entwicklung hier so erfreulich?
Der eigentliche Treiber hier ist der 3D-Druck und damit die Möglichkeit zur Individualität. Denn die zeigt sich nicht nur in der Form, sondern eben auch in der Farbe. Und gerade hier ist GRAFE zuhause, bei individuell an den Kunden angepassten Farben. Hier sehen wir ein enormes Wachstum. Und viele der Produkte werden für den Sport- und Freizeitbereich gemacht. Die Nachfrage nach individuell an den Körper angepassten Gadgets, die auf Basis von 3D-Scans oder Körperdaten personalisiert werden können, steigt rasant. Auch komplexe, anatomisch angepasste Strukturen sind dabei kein Problem.
Können Sie hier einige Beispiele nennen?
Naheliegend sind natürlich Schuhe und Helme, wo wir bereits einen Entwicklungsprozess ausgetestet und erste Produkte in den Markt gebracht haben. Aber das Spektrum ist viel größer und entwickelt sich rasant. Man denke an individuelle Fahrradgriffe und Sättel, maßgefertigte Mundschützer für Boxen, Hockey oder Rugby, personalisierte Einlagen für Golf-, Rad- oder Fitnesshandschuhe, individuelle Schwimmflossen oder Paddles oder maßgeschneiderte Skischuh- oder Snowboard-Boot-Innenschalen. Für uns ist der 3D-Druck ein sehr interessanter Markt.
Warum?
Weil er alles benötigt, worin wir besonders gut sind. Gefordert sind Kleinst- und Kleinmengen, Flexibilität, Beratung, individuelle Lösungen und kundenspezifische Einstellungen. Und es geht nicht nur um Farbe, sondern auch um Funktion.
Welche Funktionen sind das?
Beispielsweise elektrische Leitfähigkeit, Optimierung von Druckgeschwindigkeit und -qualität, antimikrobielle Eigenschaften oder UV-Stabilisierung. Auch die Schichthaftung im 3D-Druck oder das Thema Schäumen sind Felder, auf denen wir gemeinsam mit unseren Kunden entsprechende Lösungen erarbeiten.
Zeichnet sich hier ein Wandel ab?
Ich denke, langfristig wird der Spritzguss als Verarbeitungsverfahren für Serienproduktionen bzw. Massenprodukte wie im Automotiv, Packaging oder Bausektor immer attraktiv bleiben. Der Anteil des 3D-Drucks wird aber durch erleichterte Konstruktion und Anpassung mittels KI enorm an Bedeutung gewinnen. Derzeit sind die Anforderungen noch niedriger, aber die Bedeutung nimmt zu. Wir sind in beiden Bereichen gut aufgestellt, denn wir sind nicht auf das Fertigungsverfahren angewiesen, sondern auf die Farbe. Individualität ist unsere Stärke.
Welche Veränderungen im Markt sehen Sie noch?
Das ist von Anwenderbranche zu Anwenderbranche unterschiedlich. Aber das jahrelange Dauerthema Nachhaltigkeit nimmt durch die aktuellen Probleme von Energiekosten, Lieferketten und Rohstoffversorgung eine kleinere Rolle ein. Zumindest nicht in dieser Allgemeinheit oder nur als Ausdruck bestimmter Farben oder Strukturen, wie etwa Naturfasern, Holzmaserung oder Steingut. Was wir dagegen sehen, sind konkrete Lösungen, zum Beispiel im Bereich Biopolymere. Überhaupt sind die Grundpolymere, mit denen wir es zu tun bekommen, immer unterschiedlicher, immer anspruchsvoller. Standard wird immer weniger, stattdessen nimmt die Modifizierung zu.
Können Sie auch dafür Beispiele nennen?
Ein Beispiel ist das das Thema Füllung, unter anderem als Flammschutzmittel. Bei Farben sehen wir einen Trend, der eher in Richtung bunt geht. Ein Großteil wird wieder sehr brillant, etwa Leuchtfarben, dazu als Gegenspieler wiederum Erdtöne. Ganz wichtig sind auch transparente und transluzente Farben. Ein Wachstumstreiber ist hier die Digitaltechnik, weil immer mehr Lichteffekte durch das Hinterleuchten von Objekten erzielt werden.
Wie geht die GRAFE mit all diesen Veränderungen um?
Wir sehen darin vor allem Chancen. Der Trend zu Individualisierung von Produkten und neuen Materialien kommt uns entgegen. Denn wir arbeiten am Prozess, nicht am Pigment. Dabei können wir unsere Stärken ausspielen.
Herr Schulze, vielen Dank für das Gespräch!
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